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Die unendliche Geschichte

von Philippe Chanton

Tourentage 25. - 28. März 2010

Es gibt Geschichten, die wiederholen sich immer wieder. Es gibt Geschichten, die glaubt kein Mensch. Es gibt Geschichten, die sind rasch erzählt und dann gibt es noch Geschichten, die in die Geschichte eingehen. Die Skitourentage des SAC St. Niklaus sind alles in einem.
Epilog:

Man muss schon fast Masochist sein, um jeweils am letzten März-Wochenende eine Skitourenwoche durchführen zu wollen. Beim Erstellen des Jahresprogrammes sprühen jeweils die Ideen und die tollsten Tourengebiete werden vorgeschlagen. Während der Wintermonate freut sich die halbe Ortsgruppe auf die wahrscheinlich schönsten Skitouren der Saison. Die Realität sieht Ende März aber meist etwas weniger herrlich aus. Wenn der Bucheli von SF Meteo zum wichtigsten Gesprächsthema wird, ist sicher wieder einmal etwas schiefgegangen. Die Ausgabe 2010 sollte keine Ausnahme bilden. Nachdem wir uns in den vergangenen Jahren schon mehrmals auf das Gauli-Gebiet oder den Gran Paradiso gefreut hatten, war diesmal die Alpe Veglia in unserem Fokus. Der Traum vom schönen Wetter zerplatzte bereits Mitte Woche wie eine Seifenblase. Unser Bergführer Jonas Imboden musste schweren Herzens die reservierten Plätze in Italien annulieren und sich um Alternativen bemühen. Die warmen Temperaturen, der knappe Schnee sowie der Föhn erschwerten dieses Unterfangen. Demnächst erhalten wir sicher den Weltmeistertitel im kurzfristigen Umorganisieren. Aber trotz Alternativprogramm lassen sich die 5 Kapitel der Tourengeschichte 2010 sehen…


Kapitel 1:

Per SMS erfuhren wir, dass wir uns am Donnerstag auf den Wildstrubel wagen werden. Bestens ausgerüstet bestiegen wir die Seilbahn in Leukerbad und Minuten später fanden wir uns auf der weissen Gemmi wieder. Unser neustes Mitglied Tina, die neue Gisela aus dem fernen Davos, begann sich die verschiedenen Namen zu merken. Auf der langen Ebene unterhalb der Lämmerenhütte war genügend Zeit für einen Schwatz und eine Vorstellungsrunde. Der erste Anstieg hatte es bereits in sich und der harte Steilhang zwang uns, die Skis abzuschnallen und zu Fuss hoch zu kraxeln. Die ersten Skitourer kamen uns schon bald entgegen – und warnten uns bereits vor dem stürmischen Föhn auf dem Gipfel. Lange hielten wir es auf dem aperen Windstrubel nicht aus – ein paar schnelle Gipfelfotos und –küsschen und schon verräumten wir unsere Felle wieder in den Rucksack. Die rassige Abfahrt und das lange Skaten zurück auf die Gemmi brachten uns nochmals ausser Atem, aber zumindest hatten wir schon einmal den ersten Gipfel im Sack.

 

Kapitel 2:

Nach einem vorabendlichen Brainstorming und Studieren der Wetterprognosen entschieden wir uns fürs Risihorn oberhalb Bellwald. Ohne die schnellen pdg-Mädels Priska und Tina sowie unsere Sensler Katja und Peti fuhren wir am Freitagmorgen in reduzierter Formation Richtung Goms. Je näher Bellwald kam, desto dunkler und nasser wurde es. Im Rückspiegel erstrahlte die Augstbordregion im schönsten Sonnenschein. Ein kurzer Funk von Jonas genügte und wir drehten in Lax um und orientierten uns Richtung Schattenberge. Nach einer langen Autofahrt fanden wir uns im frühlingshaften Unterbäch ein. Der letzte Quadratmeter Schnee vor der Sesselbahn reichte so knapp, um mit den Skis auf den Lift zu steigen. Im heute vergleichsweise warmen Ginals verabschiedeten sich zuerst der Föhn und dann auch die Sonne um schon bald den Schneeflocken Platz zu machen. Nach schnellem Aufstieg durch starke Schneeguxa war der zweite Gipfel der Tourentage erreicht: das Altstafelhorn. Während der Abfahrt war zuerst die Sicht schlecht und der Schnee gut, gegen Ende genau umgekehrt. Unser Kampf durch Alpenrosen und einen Bergbach führte uns zurück auf die Piste. Der nasse Schnee war ein idealer Test für unsere Klamotten; die meisten davon bestanden ihn.

Kapitel 3:

Aufgewärmt von einer heissen Dusche und wieder in trockenen Tüchern stand ein nächster ungeplanter Höhepunkt auf dem Programm. Der Abenteurer und Bergführer Stefan Siegrist präsentierte seine Multimedia Show im La Poste in Visp. Die herrlichen Bilder und Filme wurden gekonnt und spannend mit seinen Geschichten umrahmt. Der Berner präsentierte uns so manche Ideen für zukünftige Tourenwochen: Basejumpen von der Eiger Nordwand, Erstbegehungen am indischen Arwa, eine Expedition in der Antarktis oder Unterhosen-Tanz à la Huber Buam. Wir sollten diese Ideen wenn möglich auf Ende März planen, dann müssen wir sie sicher nicht durchführen ;-) Für den nächsten Tag war noch schlechteres Wetter angesagt, also wurde die Tagwache zu einer christlichen Zeit vereinbart.
Kapitel 4:

Der Rothwald ist ein sicherer Wert bei Neuschnee und schlechtem Wetter. Der erste Bügel um 9h00 gehörte Jonas. Er hatte es so pressant in den Pulverschnee zu kommen, dass er glatt vergass, auf die anderen Teilnehmer zu warten. So nadisna war unsere Gruppe komplett, zu welcher nun auch Myriam gehörte. Unten grau, oben blau und überall Pulverschnee – die besten Voraussetzungen für einen tollen Freeride-Tag. Unser Bündner Gast Tina staunte nicht schlecht über die vielen Abfahrtsvarianten bei nur zwei Skiliften. So langsam wird das Fondue im Restaurant Mäderlücke zur Tradition. Schon vor Jahresfrist rettete uns der Rothwald von einer Nullnummer. Verhungern musste bei diesem Gaumenschmaus niemand und schon bald trauerte niemand mehr den Skitouren auf der Alpe Veglia nach.
Kapitel 5:

Natürlich hofften auch wir auf ein Happy End für unsere Tourentage und so gaben wir dem Risihorn die dritte Chance in diesem Jahr. Als ich am Morgen einen ersten müden Blick aus dem Fenster wagte, wollte ich eigentlich wieder zurück ins Bett steigen. Aber Jonas hatte kein Erbarmen mit uns und blieb optimistisch. Vollzählig fuhren wir schon zum zweiten Mal in dieser Woche Richtung Fürgangen um dort das Bähnli nach Bellwald zu erwischen. Regen, Schnee und Nebel erwarteten uns im Goms und lancierten unsere Beizentour. Die lange Sesselbahnfahrt durch dicksten Nebel und die niederschmetternde Auskunft des Pistenarbeiters brachte nun auch den stärksten Optimisten ins Zweifeln. Sogar unseren hartnäckigen Paparazzi fehlten die Sujets und so kapitulierten wir schlussendlich und brachen die Übung Risihorn definitiv ab.
Nachwort: Nicht alle Geschichten enden mit einem Happy End – zumindest durften wir in Anspruch nehmen, das Beste aus dem nicht einfachen Wetter gemacht zu haben. Ich danke dem Hauptdarsteller Jonas für die Alternativen und den Teilnehmern Beat, Elsbeth, Katja, Peti, Priska, Tina, Carmen, Franz, Myriam sowie dem Paparazzi Serge für ihre Ausdauer.

Vielleicht wird die nächste Ausgabe ein Bestseller...

Links für weitere Fotos: <Wildstrubel>  <Altstafelhorn>